Interview zum Mauerfall mit Frau Reichelt
Wo genau haben Sie gewohnt?
Frau Reichelt: Wir sind 1987 von Potsdam nach Teltow in unser eigenes Häuschen gezogen, hier habe ich auch mit meiner Familie den „Mauerfall“ erlebt.
Hatten Sie Verwandte im Westen / Osten?
Frau Reichelt: … Ja, zum größten Teil in Westberlin. Wir hatten auch relativ engen Kontakt zu unserer Verwandtschaft und einmal – 1987, kurz nach dem wir nach Teltow gezogen waren, durfte ich gemeinsam mit meiner Mutter meine Großtante zu ihrem (77.?)Geburtstag in Westberlin besuchen. Eine Woche durfte ich bleiben und habe viel gesehen und erlebt. Es war schon ein sehr komisches Gefühl im Bauch, als ich mit der S-Bahn zurück von West nach Ost fuhr, nach dem Motto: Wer weiß, wann ich mal wieder dorthin zu Besuch fahren darf. Tja, zwei Jahre später war es dann soweit… aber das hat sich damals niemand denken können.
Haben Sie viel von dem Umbruch mitbekommen?
Frau Reichelt: Ja, natürlich, das ging an Keinem spurlos vorüber. Wir wollten in unserer Gesellschaft etwas verändern. Sie sollte erträglicher, freier und auch realistischer werden. Es war ja absurd, dass z. B. das Brot seit 30 Jahren immer noch 60 Pfennige kostete so dass es teilweise zum Verfüttern an das Vieh genommen wurde. Grundnahrungsmittel und Mieten wurden dermaßen hoch subventioniert, während Luxusgüter ein Vielfaches des monatlichen Einkommens kosteten, das jeder Sinn für Realität verloren ging. Als dann die Kommunalwahlen im Mai stattfanden, wurde die Losung heraus gegeben: Mit Bleistift und Lineal gehen wir zur Wahl! (Jeder einzelne Kandidat musste durchgestrichen werden, um die Stimme als gültige NEIN-Stimme wirksam werden zu lassen)
Dann kam Gorbatschow mit seiner Perestroika, man fasste Mut, dass dieser Umbruch auch bei uns stattfinden könnte, nach dem Motto: es liegt was in der Luft und die Lage ist günstig! Als dann im Juni 89 in Peking die Aufständischen rigoros „niedergewalzt“ wurden und unsere Regierung dieses Verhalten der Pekinger Regierung gut hieß, bekam man doch ein ungutes Gefühl und auch Wut. Im Frühherbst spitzte sich die Lage zu, mit der Besetzung der Prager Botschaft und den Flüchtenden über Ungarn. Jeder kannte Jemanden, der diesen Weg der Flucht nutzen wollte oder schon genutzt hatte. Ein spürbarer Aderlass in der DDR-Gesellschaft. Arbeitskollegen kamen nicht mehr zur Arbeit, Familienväter verließen die Familie, Ärzte hatten keine Sprechstunde mehr – es konnte nicht so weiter gehen. Meine Verwandten in Westberlin, fragten schon, ob wir auch kommen würden. Die Gründung des Neuen Forums habe ich FAST hautnah miterlebt, da mein damaliger Kollege auf dem betriebseigenen Computer die Aufrufe etc. verfasste – Äußerst gefährlich! Bin dann auch im Oktober zu einer Versammlung bzw. Demo vor der Friedenskirche auf dem Weberplatz in Babelsberg gegangen – für die Gefahren hatte ich in diesem Moment keine Augen – wir waren ja schon soo viele Anhänger dieser Bewegung! Und ich kann mich noch erinnern, wie mir ein Stein vom Herzen fiel, als ich hörte, dass bei der Demo am 9.10.89 in Leipzig die Staatsgewalt nicht eingegriffen hatte. Ein großer Erfolg und ein Meilensten!
Waren Sie vor dem Ort beim Mauerfall?
Frau Reichelt: Nein, leider total verpennt. Mein Mann und ich waren am Tag zuvor, also am 9. 11. in Ostberlin einkaufen (H-Milch, Berliner Pilsner etc.), sind noch Oberbaumbrücke mit den Gedanken vorbei gefahren: „hier war mal ein offizieller Übergang nach Westberlin“. Abends haben wir auch den Schabowski im Fernsehen mit seiner inzwischen historischen Äußerung gesehen und gehört und dachten nur: „Aha, nach entsprechender Antragstellung dürfen wir evtl. mal ins NSA (Nicht sozialistische Ausland) fahren – warten wir`s mal ab… (Kann man mal sehen, wie sehr wir schon Teil dieses Systems waren, ohne es bewusst zu merken!)
Welche Emotionen gingen in Ihnen vor?
Frau Reichelt: Am nächsten Morgen bin ich aufgestanden (ich hatte meinen Haushaltstag vor mir, mein Mann war bereits zur Arbeit gegangen, die Kinder bei Oma und Opa) und ich hatte mir für den Tag einen entsprechenden Plan zurechtgelegt… Daraus wurde jedoch nichts. Die erste Meldung im Radio „Was, Tumult an der Grenze, die Grenze ist offen!!!“ konnte ich kaum fassen. Als ich dann die Bilder im Fernsehen sah, kamen mir Tränen der Freude. Was also tun, um so schnell wie möglich an das Visum für die Einreise in die BRD oder Westberlin zu kommen. Auf`s Fahrrad geschwungen, zu meinem Mann ins Betonwerk (sein damaliger Arbeitsplatz) gefahren, um den Personalausweis zu holen und dann ab zur Polizei nach Teltow. Dort schon eine riesen Schlange, also mit eingereiht – etwas anderes hätte ich in diesem Moment sowieso nicht tun können. Am späten Nachmittag hatte ich dann den Stempel im Reisepass.
Sind Sie in den darauf folgenden Tagen über die Grenze gefahren?
Frau Reichelt: Gefahren sind wir glaube ich erst am Sonntag danach zu unserer Verwandtschaft. Das weiß ich gar nicht mehr so genau, nur noch dass unser Sohn (damals 6 Jahre) ständig fragte, wann wir denn endlich da wären. Und als wir dann sagten: „jetzt“, er uns mit der Bemerkung: „sieht ja auch nicht anders aus als bei uns“ etwas verblüffte.
Wie haben sich die weiteren Tage entwickelt?
Frau Reichelt: Eigentlich normal, wie bisher. Wir verfolgten natürlich die politischen Prozesse in den Medien. Am Arbeitsplatz war es schon komisch, wie bestimmte Chefs um einen herum liefen und plötzlich gar nicht mehr so selbstbewusst wie zuvor waren. Aber das war nur ein kleines Zeitfenster, in dem man hätte die Leitung an sich reißen können. Ab Januar, spätestens nach der Wahl im März 1990 hatte sich dann endgültig erledigt. Die Verteilung der DDR begann und die „Alten“ waren oft die „Neuen“.
Hat sich etwas im Osten geändert? Sowohl die Mitmenschen, als auch die Umgebung?
Frau Reichelt: oh, das lässt sich mit ein paar Sätzen gar nicht sagen. Nur soviel: Jeder hatte plötzlich in seiner Freizeit viel anderes zu tun und zu entdecken, man traf sich nicht mehr so häufig unter Freunden. Ein Beispiel: jahrelang hatten wir vergeblich versucht, Karten zum Fasching in der Gaststätte am Stern zu erhalten. 1990 war es dann plötzlich ganz leicht – nur das es die fadeste Faschingsfeier war, die ich je erlebt habe – es waren einfach keine Leute da!
Viele sagen: „Die Zeit vor dem Mauerfall war besser.“ Was ist Ihre Meinung?
Frau Reichelt: Oh nein, um Himmels Willen. Abgesehen davon, dass das auch gar nicht mehr ginge, sonst würde die DDR ein zweites Nordkorea. Es war nur manches leichter, man musste sich nicht um so vieles kümmern, wie Arbeitsplatz, Anfahrt zum …, Versicherungen etc. Man konnte sich, wenn man politisch desinteressiert oder opportun genug war, bequem in der Gesellschaft einrichten.
Merken Sie heute noch Unterschiede zwischen den Leuten aus dem Osten und dem Westen?
Frau Reichelt: das kann man so generell nicht sagen. Ost und West haben eben unterschiedliche Vergangenheiten, alles andere ist abhängig von der Persönlichkeit und dem Charakter. Ich merke manchmal selbst, wie sehr ich Kind der DDR war bzw. heute noch bin. Bin halt in einem Elternhaus groß geworden, das den DDR-Staat nie akzeptiert hat und trotzdem darin leben musste. Wenn ich dann mit meinen Kenntnissen aus der Schule nach Hause kam, gab es häufig Diskussionen.
Wurden Ihre Erwartungen an den Westen / Osten erfüllt?
Frau Reichelt: Eindeutig NEIN. Aber die Antwort auf diese Frage ist ja bekanntermaßen abhängig von den Erwartungen, die man hat. Und die kann das finanzkapitalistische Gesellschaftssystem nie erreichen. MARX und ENGELS lassen grüßen!
